Missstände in Pflegeheimen – Überfordertes Personal

Es sind erschreckende Meldungen, entsetzlich und entwürdigend. Und es gelingt ein paar wenigen Übeltätern eine ganze Berufsgruppe in Verruf zu bringen. In schöner Regelmäßigkeit kommen immer einmal wieder Berichte über unsachgemäß geführte Alten- oder Pflegeheime. Da wird von Personal berichtet, dass die Patienten misshandelt, dass sie auf Stühlen festbindet oder stundenlang unversorgt im Bett liegen lässt. Man kann dafür keine Entschuldigung vorbringen, das ist menschenunwürdig. Aber vielleicht ist es nur die Spitze des Eisberges der hier zu Tage tritt.

Wie möchten Sie behandelt werden, wenn Sie irgendwann einmal in ein Heim müssten?

Allein die Vorstellung nicht mehr Herr seiner selbst zu sein, auf Hilfe anderer angewiesen zu sein, sich nicht gegen Angriffe wehren zu können, sorgt bei vielen schon für Angst. Angst davor, in Hände zu geraten gegen die man sich nicht zur Wehr setzen kann. Und das mitunter im wahrsten Sinne des Wortes. Nein, das wollen wir uns nicht vorstellen. Wir haben ein Anrecht auf würdevollen Umgang, erst recht wenn wir alt sind und uns von Fremden helfen lassen müssen, und auch in deren Obhut sind. Dass es nicht immer so geht, dass zeigen uns Berichte, wie erst vor kurzem wieder in der Presse erschienen.
Aber da fragt man sich, wo bleibt denn da die vielzitierte Heimaufsicht. Das ist doch eine staatliche Behörde, die muss doch in einem solchen Fall eingreifen können. Leider gestaltet sich das nicht immer ganz einfach. Selbst wenn der Behörde Fälle oder Mutmaßungen bekannt werden, es hat nicht immer die nötigen Konsequenzen. Klar können Strafen verhängt werden, auch Sanktionen sind möglich, so zum Beispiel dass der Betreiber das Heim schließen muss, oder zumindest die Leitung in andere Hände kommen muss. Aber auch hier sind wirtschaftliche Kriterien ausschlaggebend, leider nicht immer zum Wohl der Bewohner.

Ein Pflegeheim schließen ist gar nicht so einfach

Wird ein Heim wegen gravierender Mängel geschlossen, sind oftmals bauliche Mängel die Ursache oder die sanitären Anlagen entsprechen nicht mehr dem heute üblichen Standard. Dann müssen die Bewohner in einem anderen Heim untergebracht werden, was sich sehr oft sehr schwierig gestaltet, und gerade für Menschen mit einer Behinderung, sei es nun körperlicher oder psychischer Art eine enorme Veränderung bedeutet. Sie müssen sich in einer ihnen fremden Umgebung und oftmals noch mit ihnen fremden Leuten vollkommen neu orientieren. Auch die personelle Situation würde sich nicht zwangsläufig verbessern denn meist wird, wenn überhaupt, nur ein Teil des Personals übernommen. Also ist man seitens der Heimaufsichtsbehörde mit solchen Entscheidungen erst einmal vorsichtig, oftmals bei Ermahnungen oder geringfügigen Auflagen.

Vermehrte Kontrollen wären angebracht

Was die Heimaufsicht allerdings machen könnte, wären vermehrte Kontrollen. Könnte ganz einfach deshalb, weil hier oftmals das gut ausbildete Fachpersonal fehlt. Zudem gibt es keine einheitlichen Regelungen die bundesweit den dazu benötigten Personalbedarf ansetzen. Der Unterschied wird deutlich, wenn man in dem einem Bundesland 1,5 Vollzeitstellen, so wie in Sachsen, einen Gegensatz zu 13,7 Vollzeitstellen in Niedersachsen gegenüberstellt. Bezogen jeweils auf 100 zu überprüfende Einrichtungen. Da kann es schon zu enormen personellen Engpässen kommen, und infolge dessen auch zu nur sehr unzureichenden Prüfungen. Die schwarzen Schafe der Branche können so nicht immer erwischt werden. Ein weiteres Unding ist es, dass sich diese Behörde meist anmeldet, wenn eine Prüfung des Heimes ansteht. Selbstverständlich wird dann in dem Zeitraum der bis zur Begehung bleibt alles auf Hochglanz gebracht. Da wird das ganze Haus auf den Kopf gestellt, damit niemand auch nur ein Staubkörnchen finden kann. Aber an eben diesem einen Staubkorn ginge niemand zu Grunde, die wesentlichen und wichtigen Dinge gehen dabei unter, beziehungsweise sie werden geschickt versteckt. Es sollen hier nicht generell alle Heime und Einrichtungen dieser Art in einem schlechten Licht dargestellt werden, es gibt sehr viele sehr gut geführte Heime. Aber genau die kommen mit in den Sog der schlechten.

Ja wo gibt es das denn sonst?

In jedem anderen Gewerbebetrieb, in dem behördliche Kontrollen durchgeführt werden, kommt die betreffende Kommission unangemeldet. Die stehen einfach plötzlich morgens vor der Tür. Das ist für das Personal nicht immer angenehm, aber es ergibt eine objektive Prüfung. Alles andere ist geschönt. Und kommt letztlich niemanden zu gute. Im Bereich der Heimaufsicht wäre genau das sehr wünschenswert.
Die Krankenversicherungen, Pflegekassen und der Sozialhilfeträger sind ebenfalls daran interessiert, wie die sich die Führung und der Betrieb als solches in den Heimen gestaltet. Der Medizinische Dienst dieser drei Institutionen arbeitet deshalb mit der Heimaufsicht zusammen, um mögliche Mängel aufzudecken.
Der Medizinische Dienst, MDK, oder die Heimaufsicht prüfen bei den Begehungen insbesondere, wie es mit der personellen Situation in einem Heim bestellt ist, ob eben einfach ausreichend Fachpersonal für die Pflege der Heimbewohner vorhanden sind. Im Weiteren ist bei einer solchen Prüfung auch der Umgang des Personals gegenüber den Bewohnern ein Kriterium. Ebenso relevant sind der organisatorische Ablauf, die hygienischen Gegebenheiten, und die Dokumentation von allen Vorgängen die sich unmittelbar dem Bewohner zu ordnen lassen. Dazu zählen die ordnungsgemäße Medikamentenüberwachung, der Ernährungszustand und auch Veränderungen die beobachtet werden. Das alles wird in der Pflegedokumentation festgehalten. Zur Überprüfung kommen auch rechtliche Angelegenheiten, wie Heimverträge. Sind in einem oder mehreren Bereichen Auffälligkeiten zu verzeichnen, finden auch vermehrt Prüfungen statt.

Was der MDK nicht kann

Es ist eine enorme psychische und auch körperliche Anstrengung in einem Beruf wie dem der Kranken – oder Altenpflege zu arbeiten. Oftmals sind die alten Menschen nicht ganz freiwillig in das Heim gekommen, nein man hat sie nicht zwangsweise hierher gebracht, aber viele wollten lieber bei ihren Verwandten und nahen Angehörigen zu Hause bleiben und in einem ihnen bekannten Umfeld gepflegt und behütet werden. Leider ist das heute nicht immer möglich. Aber genau das ist der Punkt, den die Senioren nicht immer akzeptieren können, und manchmal auch nicht wollen. Guter Zuspruch würde manche dieser angespannten Situationen wesentlich entspannen. Und hier genau kommt das zum Tragen, was sich viele Mitarbeiter in den Heimen wünschen, ganz einfach ausreichend Personal zur Verfügung zu haben. Extreme Situationen wären dann nur noch die Ausnahme. Die personelle Situation hat sich trotz vielfacher Appelle nicht wesentlich verbessert. Wenn dann nachmittags eine examinierte Krankenschwester oder Altenpflegerin mit noch einer Hilfskraft für 30 und mehr Bewohner zuständig ist, da kann man vielleicht verstehen, dass man durch diesen Stress mit der Zeit an die persönlichen Grenzen kommt.

Es werden Zeiten für die morgendliche Pflege veranschlagt

Viel schlimmer noch sind die zeitlichen Vorgaben, die es in der Pflege für bestimmte Tätigkeiten gibt. So zum Beispiel, in welcher Zeit morgens eine Körperwäsche oder die Morgentoilette überhaupt in Anspruch nehmen darf. Das heißt im Umkehrschluss, es obliegt der Pflegekraft dem Patienten oder pflegebedürftigen Heimbewohner zu vermitteln, dass übertrieben ausgedrückt, montags, mittwochs und freitags, das Gesicht und der Hals gewaschen wird, an den anderen Tagen der Rest. Natürlich wissen wir alle, dass Pflege teuer ist, aber hier geht es um Menschen, und nicht um irgendeine Sache, die abgearbeitet werden muss. All das kann jedoch keine Entschuldigung sein, für Vorfälle wie sie eingangs geschildert wurden. Aber diese Vorfälle würden weniger, wenn sich die Pflegekraft kurzfristig anderen Dingen zuwenden könnte, die zwar genau so wichtig sind, aber eben in diesem Moment nicht den unmittelbaren Kontakt mit dem Bewohner erfordern. Eine Verschnaufpause. Im Gegensatz zu einem Angestellten im Büro könnte man jetzt anführen, dass dieser auch nicht einfach seine Arbeit unterbrechen kann, aber in vielen Büros geht es um materielle Belange. Hier im Heim muss ein würdevollen Umgang mit Menschen gewährleistet sein.

Überforderung der Personals

Es heißt immer, man muss im beruflichen Bereich den privaten außen vor lassen. Aber dazu muss man auch die Möglichkeit haben. Wenn nun schon zum dritten Wochenende im Monat hintereinander die Kollegen erkrankt sind und ein zusätzlicher Dienst erbracht werden muss, das geht an die Substanz, und zu Hause muss es ja auch weitergehen. Da nimmt man schon mal den einen oder anderen Gedanken mit. Es steht im Prinzip nichts gegen einen zusätzlichen Arbeitstag, wenn andererseits gewährleistet wird, dass auch die freien Tage in Anspruch genommen werden können. Und das nicht irgendwann, sondern ziemlich zeitnah. Leider funktioniert das aber nicht immer reibungslos. Rücksicht auf die Kollegen ist in Ordnung, aber wenn es einmal soweit an die eigene Substanz geht, dass der Frust an den Bewohnern oder Patienten ausgelassen wird, wird es Zeit, entweder zu Hause zu bleiben, oder im schlimmsten Fall den Beruf zu wechseln.

Auf die Frage, wieso es überhaupt einem Menschen gelingen kann in einem Beruf tätig zu werden, der ein hohes Maß an Verantwortung gegenüber den ihm anvertrauten Bewohnern fordert. Vielleicht ist bei der Einstellung etwas übersehen worden, vielleicht konnte sich der Betreffende auch so gut darstellen, dass niemand Verdacht geschöpft hat. Zu Beginn der Ausbildung zur Krankenschwester wurde nach einem polizeilichen Führungszeugnis gefragt, es musste von der polizeilichen Heimatbehörde ausgestellt werden. Bei keinem weiteren Arbeitgeber wurde ein solches Zeugnis erneut angefordert, immer nur die üblichen Arbeitspapiere. Das ist eigentlich mehr als bedenklich.

Das Personal mehr prüfen

Es ist mit nichts zu entschuldigen, dass es Pflegekräfte gibt, die in diesem Beruf fehl am Platz sind, weil sie einfach nicht die beruflich qualifizierten Voraussetzungen mitbringen. Es ist unverantwortlich von den Arbeitgebern diese Personen weiter zu beschäftigen. Aber es ist genauso ein unverantwortliches Handeln, wenn es den Kollegen auffällt, dass Bewohner Schaden nehmen durch andere Mitarbeiter. Es ist unsere Pflicht, diese Vorgänge zu melden, ohne Rücksicht auf das Ansehen der Person, und auch ohne Rücksicht auf die zu erwartenden Konsequenzen.

Nur wenn hier wirklich alle, sowohl Mitarbeiter, Vorgesetzte und der medizinische Dienst ihre Verantwortung gegenüber den Schutzbefohlenen sehr ernst nehmen, können diese Missstände beseitigt werden. Aber dazu benötigt es in allen Bereichen kompetentes, gut bezahltes und engagiertes Personal, und das noch in ausreichender Menge.

Bildquelle: Bild 1: © Gerd Altmann

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